| Die heidnische ReligionDie eindrucksvollsten Naturerscheinungen, wie Blitz und Donner oder den heulenden Sturm, die sexuelle Begierde oder die Fruchtbarkeit fand der Mensch unerklärlich, fürchterlich oder wunderbar.
Indem er sich diese Erscheinungen immer stärker personalisiert dachte, wurden sie für ihn berechenbar und sogar beeinflußbar: Wenn Donar es regnen lassen oder Freya die Angebetete verliebt machen konnte, dann brauchte man sich nur um die Gunst dieser Götter zu bemühen.
Da man sich die Götter menschenähnlich vorstellte, glaubte man auch zu wissen, worüber sie sich freuen würden: Über Verehrung, Schmeichelei, ein schönes Stück Fleisch, eine kostbare Waffe, einen kultischen Liebesakt, ein Tier, oder, im äußersten Fall, einen Menschen.
Dementsprechend dienten germanische Gottesdienste vor allem dazu, die Götter zu beschenken, um sie günstig zu stimmen, sie von Grausamkeiten abzuhalten, und sie zu Unterstützung zu bewegen. Ein Opfer war mehr als ein bloßer Appell, denn nach germanischer Auffassung verpflichtet ein Geschenk den Beschenkten.
Ein solches Opfer konnte gering sein und beiläufig erfolgen: Z.B. ließen Bauern bei der Ernte oft einige Garben Getreide stehen - für Wodans Pferd.
Bei feierlichen Anlässen opferte man meistens ein Tier. Dies konnte in kleinem Kreis durch den Hausherrn geschehen, oder bei einem großen Stammesfest durch Priester: Der Opfernde tötete rituell ein sorgfältig ausgewähltes Tier (meistens einen Hengst, Stier oder Eber); besprengte Altar, Kultgegenstände, sich selbst und alle Anwesenden mit dem Blut des getöteten Tieres; löste dann alles Fleisch, und kochte es in einem großen Kessel. Fell und Knochen wurden sorgfältig eingesammelt und auf einen Haufen gelegt, um dem Tier die Wiederauferstehung im Jenseits zu ermöglichen. Schließlich verspeisten die Opfernden das Fleisch; der Leiter der Versammlung erbat ausdrücklich die göttliche Gunst für ein bestimmtes Unternehmen; und die Versammelten ließen Trinkhörner mit Met kreisen, bis alles in alkoholschwerer Entrücktheit versank.
Außer den männlich-kriegerischen, unsinnlichen Asen-Göttern verehrte man weiterhin die alten vanischen Götter des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit. Für sie veranstaltete man im Frühling kultische Umzüge, bei denen ein Bild der Göttin oder des Gottes auf einem prachtvoll geschmückten Wagen durch das ganze Stammesgebiet gefahren wurde, begleitet von fröhlichen Gesängen und lasziven Tänzen der Gläubigen.
Neben den menschlich gedachten Gottheiten verehrte man weiterhin Dämonen und Naturerscheinungen wie alte, große Bäume, Quellen, Sümpfe, überhaupt alles Auffällige oder Unheimliche. Den Hausgeistern stellte man als Opfer ein kleines Näpfchen mit Fett auf den Boden (in das man versehentlich hineintreten konnte, daher die Redewendung).
Man verehrte den einen Gott mehr, den anderen weniger; je nachdem, wessen Gunst einem wichtiger war. Auch wurden manche Götter nur in bestimmten Gebieten verehrt oder bevorzugt. Da die Religion ohne schriftliche Überlieferung bestand, waren die Göttervorstellungen nicht streng festgelegt, sondern regional verschieden und wandelten sich im Laufe der Zeit.
Wodan war als Kriegsgott auch Staatsgott: Wenn ihm zu Ehren Gefangene gehängt wurden, so geschah das durch Priester für den ganzen Stamm.
Ansonsten war Religion Privatsache, wie auch bei den Römern: Ein Tieropfer oder eine Waffengabe brachte man alleine oder im Familienkreis dar, so wie auch jeder selbst zu den Göttern bitten konnte.
Gotteslästerung wurde jedoch von der Gemeinschaft bestraft, weil man fürchten mußte, der Lästerer würde den Zorn der Götter über alle bringen.
Die Vorstellung einer 'Sünde' oder gar einer ererbten 'Schlechtigkeit' des Menschen war der heidnischen Religion fremd. Die Religion war nicht moralisch, sondern ein pragmatisches Abbild der Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit des Lebens. Was der eine Gott mißbilligte, konnte dem anderen gefallen; wo ein Gott half, konnte ein anderer schaden. Die Götter selbst handelten nicht tugendhaft-fromm, sondern natürlich, geleitet von ihren Begierden und Interessen.
| |