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| ZaubereiAus germanischer Sicht waren nicht nur alle Lebewesen, sondern auch alle Dinge beseelt. Z.B. eine Waffe hatte etwas von der Kraft der Männer in sich, die mit ihr erschlagen worden waren; oder an einer Rüstung blieb immer etwas vom Heil ihres Besitzers haften. (Noch heute lebt ein Teil dieses Glaubens unbewußt weiter: Z.B. bewahren die meisten Menschen nutzlose Gegenstände auf, sofern sie ihnen von einer geliebten Person geschenkt wurden - aus dem Gefühl heraus, daß etwas von der Person auch in dem Gegenstand ist.)
Dieses Eigenleben glaubte man zu verstärken, indem man kleine Zaubersymbole (Runen) auf Gegenstände ritzte. Germanische Sagen berichten von Waffen, die von selbst den Feind trafen, oder von Schwertern, die sich nicht zurück in die Scheide führen ließen, ehe sie nicht in Blut getaucht worden waren. Sicherlich war so ein 'Zauber' wirksam - denn wenn ein Kämpfer daran glaubte, war er siegessicher und kämpfte tapferer.
Die Germanen glaubten, daß es möglich sei, sich mit Gegenständen oder unsichtbaren Mächten zu verständigen und bestimmtes Verhalten hervorzurufen, weil sie sich mit allen sie umgebenden Seelen verbunden fühlten, ohne eine scharfe Grenze zwischen Mensch und Tier oder Tier und Pflanze zu empfinden.
Daher waren Analogie-Zauber weitverbreitet, bei denen man eine Macht durch eine symbolische Handlung zu einer ähnlichen Handlung bewegen wollte: Z.B., indem man eine Puppe seines Feindes verbrannte; so wie das Feuer die Puppe verzehrte, sollte Krankheit den Feind verzehren. Oder ein Paar liebte sich nach der Aussaat auf dem Acker, um das Getreide zu ermutigen, ebenso fruchtbar zu sein wie sie selbst. Ob das funktionierte, ist fraglich; aber die Ausführung war einfach und gab dem Zaubernden Hoffnung - Hoffnung, die ihn vielleicht zum Handeln ermutigte, z.B. zu sorgfältigerer Pflege seines Ackers, und damit letztendlich doch das gewünschte Ergebnis hervorbrachte.
Dasselbe Gefühl seelischer Verbundenheit mit der Natur ließ manche Germanen auch hoffen, sich für eine bestimmte Zeit die Seele eines Tieres aneignen zu können. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die Berserker: Bestimmte Krieger versetzten sich vor der Schlacht in Raserei (möglicherweise unterstützt durch Drogen wie Fliegenpilze) - und wüteten dann wie Bären nackt, furchtlos und grauenhaft schreiend unter den entsetzten Feinden.
Noch im 12.Jh. beschreibt eine skandinavische Chronik ein solches Vorgehen: 'Odins Männer gingen ohne Panzer in den Kampf, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen die Leute, aber sie selbst verwundete weder Feuer noch Schwert: Das nennt man Berserkerwut.'
Die Krieger glaubten vermutlich wirklich, von Bären beseelt zu sein. Doch aus heutiger Sicht besteht ihr 'Zauber' einfach aus Selbsthypnose. Tatsächlich haben Experimente bestätigt, daß in einem solchen Rauschzustand der Wut die Kräfte zunehmen, das Schmerzempfinden aufhört und das Blut dickflüssiger wird, so daß auch tiefe Wunden kaum bluten.
Die häufigste Anwendung der Zauberei war sicherlich die Medizin. Da bei fast allen Krankheiten Hoffnung und Gesundungswillen des Kranken zu seiner Genesung beitragen, waren Zaubersprüche, Amulette oder Tränklein sicher wirkungsvoll - sofern der Kranke an sie glaubte. (Übrigens bestand auch die Heilkunst der Römer und Griechen größtenteils aus Beschwörungen und Apellen an die Götter.)
Doch davon abgesehen war das ärztliche Fachwissen durchaus zureichend, um viele Krankheiten sachkundig zu heilen oder zu lindern. Schon die Ärzte der Steinzeit konnten Knochenbrüche richten, Wunden säubern, Pfeilspitzen herausschneiden; und sicher wußten sie, welche Kräuter fiebersenkend, desinfizierend oder giftig wirkten.
Besonders wichtig für das Schicksal des ganzen Stammes war es, die Zukunft vorauszusehen und den Willen der Götter zu ergründen. Dies war Aufgabe von Priesterinnen, die meistens Menschenkenntnis und Allgemeinbildung besaßen, und ihre Prognosen auf historisches, politisches und geographisches Wissen stützen konnten.
Als Inspiration für ihre Vorhersagen benutzten sie zufällige Vorzeichen, wie z.B. das Fließen des Blutes eines Opfertieres, die Lage und Beschaffenheit seiner Innereien, das Wiehern heiliger Pferde, oder zufällig gezogene Holzstäbchen mit Runenzeichen.
Vermutlich hatten sie vor dieser Zeichenbefragung schon mehrere wohldurchdachte und sinnvoll begründete Szenarien im Kopf, und das zufällige Zeichen diente ihnen nur dazu, eins davon auszuwählen.
Aber selbst wenn die Empfehlungen der Priesterinnen unsinnig waren - im Krieg war es ratsam, sie nicht zu mißachten. Der germanische Heerkönig Ariovist verlor die entscheidende Schlacht gegen Caesar auch deshalb, weil seine Priesterinnen ihm die Niederlage prophezeit hatten, wenn er vor Neumond kämpfen würde: Seine Männer waren durch den Spruch entmutigt, die Feinde dagegen siegesgewiß und gestärkt. Übrigens war es den Römern im Seekrieg gegen die Karthager ähnlich ergangen, als ein Priester von der Schlacht abriet, da sich die heiligen Hühner weigerten, zu fressen. Der Kommandant wollte die militärisch günstige Gelegenheit zum Angriff nutzen und warf die Hühner wütend ins Meer ('Wollen sie nicht fressen, so sollen sie saufen!'). Aber seine Männer fürchteten den Zorn der Götter und verloren die Seeschlacht.
Im Mittelalter, als alle germanischen Völker Christen geworden waren, bestand das magische Denken weiter: Die Menschen glaubten weiterhin an Vorzeichen, vertrauten Gottesurteilen, verehrten Reliquien, trugen Heiligenbilder über die Felder etc. Soweit dies mit christlichen Symbolen möglich war, taten sie es guten Gewissens; soweit nicht, taten sie es trotzdem, denn der alte Glaube war zu tief verwurzelt.
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